Die kleine Schnecke

Kurzgeschichten von Mara
in loser Folge:


Regen ein Segen

Seit Tagen schon schien die Sonne erbarmungslos auf uns nieder. Der einzige Schutz, der sich uns bot, waren die vielen Holzscheite, doch mittlerweile war die Erde auch dort schon ausgetrocknet. Auf den Holzscheiten wurde vor kurzem frisches Futter hingestreut. Ich kroch keuchend und schwer schnaufend durch die staubige und warme Erde. Ich nahm nicht an, dass heute viele Meinesgleichen unterwegs waren. Wahrscheinlich verkrochen sich alle in ihren Häusern, dem Austrocknen nahe.

 

Ich spürte, während ich vor mich hin kroch, wie schwer mein Körper wurde. Ganz trocken und kurz vor dem zerreissen. Als ich versuchte, einen heissen Stein empor zu kriechen, kam mir eine andere Schnecke entgegen. Ich hatte noch nie eine solche Art von Schnecke gesehen, seit ich hier zwischen dem ganzen Grün weile. Sie besass kein Häuschen. Früher beschwerte ich mich immer, solch ein schweres und unbequemes Haus mit mir herumtragen zu müssen. Doch noch nie war ich so froh darüber, wie in den letzten paar Tagen. Ich fragte mich, wo und wie sich diese Schnecke Schutz suchen konnte, so ganz ohne Häuschen.

 

Als ich den Stein empor geklettert war, brauchte ich zuerst eine Verschnaufpause. Mein Mund war so trocken, dass ich kaum noch atmen konnte und mein Fuss brannte schmerzhaft von dem heissen Stein. Ich sah mich um. Nur zwei andere Verwandte taumelten vor sich hin, auch auf dem Weg zur Futterstelle. Ich riss mich zusammen und kroch weiter. Dort angekommen hielt ich inne. Ich zögerte zuerst und betrachtete den ahornfarbenen Haufen. Kurz bevor ich mit meinen vielen kleinen Raspelzähnen das Futter aufnehmen wollte, schreckte ich zurück. Ein kleiner Fleck zeigte sich plötzlich vor mir.

 

Er war etwas dunkler als der Rest des Futters. Dann noch einer. Ich sah mich um und die zwei anderen Schnecken vor mir lächelten. Auch ich begann zu lächeln, als ich begriff. Langsam streckte ich meine Fühler hoch in die Luft dem Himmel entgegen. Dunkle Wolken breiteten sich über uns aus und dicke, kühle Tropfen rieselten auf uns herab. Dieses Gefühl der Erleichterung und Freude war so unbeschreiblich gross, dass ich gar keinen Hunger mehr verspürte. Ich kroch auf dem Holz zurück zu dem Stein, der mittlerweile fast schwarz aussah und sah mich um.

 

Aus allen Löchern kamen sie gekrochen, mit demselben grossen Strahlen wie ich. Endlich war es so weit. Weit und breit bedeckte der kühle Sommerregen Erde und Blätter und Strassen und Häuser. Innert kürzester Zeit erwachte all das Leben, dass sich während der trockenen Tage Schutz suchen musste. Vögel kreisten durch die Luft, Regenwürmer schossen aus der Erde, Käfer krabbelten durch die Gegend und noch viele andere Tiere, deren Name mir nicht geläufig ist, erschienen. Es war ein wunderbares Naturspektakel und noch nie wurde mir so bewusst, wie viele andere Tiere auch von dem wundersamen Regen profitieren.

 

(Mara Bähler 05/2018)

 


Der Saisonbeginn

Es war so weit. Der Winter war vorüber und wir wurden endlich zurück in den neuen Frühling gebracht. Die Sonne schien. Es roch nach frischen Blumen, gemähtem Rasen und Wärme. Man konnte die Wärme in der Tat sehr gut riechen, bemühte man sich darum. 

 

Ich hatte Glück. Ich befand mich ganz zuoberst auf einer der Kisten, die uns in die heimlichen Parzellen führen würden. Mit meinen ausgestreckten Fühler tastete ich mich ganz langsam und vorsichtig über den Kistenrand hinaus. Ich konnte es kaum erwarten, die neu geborene Welt kennen zulernen. Links und rechts von mir taten es mir meine Freunde gleich. Auch sie waren gespannt darauf, was der Frühling von sich bringen würde. Alte Gefährten und weisen Denker, die schon viele Jahre als Schnecke hinter sich hatten, berichteten uns Neulingen, dass eine neue Saison bevor stünde. Sie lehrten und erzählten uns schon sehr früh, wie viele Leute hierher kamen, um uns zu sehen. Es wäre eine Bereicherung für das Leben einer jener Schnecke, mit dabei zu sein. Doch wenn wir nicht auf uns aufpassen würden, wäre es umsonst gewesen. Wir waren oft nicht so schnell, wie wir es uns vielleicht erhofften. Das hatte es nun mal so an sich, eine Schnecke zu sein.

 

Ich befand mich mittlerweile in einer der sieben Parzellen, umgeben von riesigen Sonnenblumen, Löwenzahn, Steinen und Holz. Es war das erstes Mal, dass ich bei einer neuen Saison dabei sein konnte. Ein Kollege direkt neben mir zog sich in sein kühles Häuschen zurück. Ich riet ihm davon ab. Schließlich wird er das Beste verpassen.

 

Ich spürte wie mein kleines Herz anfing zu pochen, als ich entfernte Schritte wahrnahm. Der Boden bebte ganz sanft und leicht. Es kitzelte und ich grinste. Kurz danach, ich dachte es würde noch viel länger dauern, starrten riesige Köpfe auf uns hinab. Die Alten versuchten, uns die Menschen so genau wie möglich zu beschreiben, sodass wir uns nicht vor ihnen fürchten. Ich musste sagen, ihre Beschreibungen trafen es nicht ganz. Sie lächelten und wiesen auf uns, ganz entzückt darüber, uns zu sehen. Sie sahen freundlich aus. Gar nicht so, als würden sie uns erdrücken wollen. Ich tanzte mit meinen Fühler auf und ab, um ihnen zu zeigen , dass ich sie gesehen hatte. Ich hörte, wie eines der Kinder etwas fragte. Ich verstand es nicht. Ich blinzelte und eine riesige Hand kam auf mich zugeschossen. Meine Nervosität stieg, die Angst kam hoch. Ich fuhr meine Fühler blitzartig hinein und meinen Fuss gleich danach. Ich spürte, wie der Boden unter meinem Fuss davonrutschte und ich mich in die Lüfte begab. Es war ein unwohles Gefühl, in so raschem Tempo nach oben zu schiessen.

 

Ich versteckte mich noch immer, als ich auf warme Grundfläche gelegt wurde. Sie fühlte sich glatt an, mit sanften Rissen und Rillen. Ich war nicht auf erdigem Boden. Vorsichtig, ganz vorsichtig streckte ich meine Fühler knapp aus dem Häuschen. Der Boden war blassrosa und feucht. Ich sah mich neugierig, trotz Angst, um. Links und rechts ging es bergab. Der Boden endete mitten in der Luft. Wenn ich geradeaus blickte, erkannte ich einen langen Weg. Sehr lang, besonders für eine Schnecke. Hinter mir trennten sich vier kleinere, schmalere Wege von der Fläche ab, auf der ich lag. Ich versuchte, meinen Atem zu beruhigen und sah wieder nach vorn. Jetzt, da ich noch näher an dem Kind war, konnte ich meine Fühler nicht mehr zurückziehen. Ich sah voller Ehrfurcht in die gigantischen, blauen Augen die nur wenige Zentimeter von mir entfernt zurückstaunten. Hie und da verdeckte ein gewaltiges Lid das tiefe Blau. Wundersame Wesen, mit solchen Augen. Ich hätte noch länger starren können doch es schien, als wäre die Zeit des Staunens vorbei.

 

Ganz sanft und vorsichtig spürte ich, wie wir uns der trockenen Erde näherten. Sie war so freundlich und setzte mich direkt auf einem der Holzscheite ab. Ich bedankte mich, doch sie war schon fort.

 

(Mara Bähler 04/2018)